Unter dem Pflaster liegt der Strand von Anna Stein

Nur geistige Nahrung im Kühlschrank - wie verhält es sich mit Freiheit, Autonomie und Würde, den drei Grundbegriffen der Moralphilosophie Kants, in einer von neoliberalem Denken geprägten Zeit? Ist der Suizid womöglich eine Alternative zur aussichtslosen Suche nach einer angemessen entlohnten Arbeit?

Die 47-jährige Philosophin, der 37-jährige Grafiker und der 27-jährige Physiker, alle Hartz IV Empfänger, leben zusammen in einer Wohngemeinschaft, sie teilen sich 60 qm und versuchen ihre Situation von 68 her zu begreifen. Das Theaterstück der jungen Autorin Anna Stein setzt sich humorvoll mit der heutigen Politik und den Visionen von damals auseinander. „Wir haben sie so geliebt die Revolution!"

Oder: „We Want the World and We Want it Now“. Als Jim Morrison dieses Lied sang, flogen auf den Straßen von Paris, Frankfurt, Berlin, Rom und Turin wie auf ein unsichtbares Zeichen hin Pflastersteine. Sie wurden zum Symbol einer Generation im Aufstand. Heute hätten den drei Akademikern alle Möglichkeiten offen stehen sollen. Doch die Situation, in der sich sich nun als Hartz IV Empfänger wiederfinden, stellt sich als ausweglos dar. Einst waren die Achtundsechziger die Helden. Der Jüngste ist eines ihrer Kinder.

Eine groteske und komische „Abrechnung“ mit den Revolutionären von damals und mit der Politik von heute.

Regie: Kirsten Uttendorf. Mit: Barbara Englert, Natanael Lienhard, Philipp Sebastian; Musik: Ina Kleine-Wiskott; Bühne: Cornelia Falkenhan.

Uraufführung am Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main, am 31. Mai 2007. Weitere Vorstellungen: 1., 2., und 3. Juni 2007

Pressestimme: "Unter dem Pflaster liegt der Strand" heißt das vom Theater um die Frankfurter Schauspielerin Barbara Englert im Studio des Mousonturms uraufgeführte Stück einer Autorin mit dem Pseudonym Anna Stein. Eine WG aus drei akademisch gebildeten Hartz-IV-Hungerleidern liefert sich in der Bühneninstallation von Cornelia Falkenhan (Hochschule für Gestaltung) einen Schlagabtausch zwischen Buchrücken, Tennis-Hochsitzen und einem mit geistiger Nahrung bestückten Kühlschrank.

Der von Philipp Sebastian gespielte 37-jährige Grafiker euphorisiert sein neuntes Praktikum gegen eine Monatskarte und freien Kaffeekonsum zum Erfolg. Natanael Lienhard in der Rolle eines 27-jährigen Physikers, Abkömmling der 68er-Generation, verwickelt sich, die Bühne und die ganze Welt mit den Gesetzen seiner Wissenschaft. Das Häuflein Sand, das sich irgendwann unter einer hölzernen Schräge auftut, kann nicht ernstlich vorgeben, Strand zu sein. Vorbei ist es mit den revolutionären Heilsversprechen von einst. Eine Stunde lang aphoristisch verschnittene Theorie- und Pamphletprosa zwischen Gesellschaftsanalyse, Relativitätstheorie und revolutionärem Geklingel. Klingt schwer verdaulich. Ist es aber nicht. Der Autorin und dem von Regisseurin Kirsten Uttendorf präzis eingestellten Ensemble ist es gelungen, aus einem Haufen papierner Textschnipsel eine humorvoll pointierte Bestandsaufnahme um das Individuum in einer mit Arbeit unterversorgten Arbeitsgesellschaft zu schöpfen. Begleitet von der minimalistischen Musik der Violinistin Ina Kleine-Wiskott. So kann politisches Theater heute aussehen, so macht Diskurstheater Spaß.

S. Michalzik, Frankfurter Rundschau