Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang Goethe

Auf Tauris kommt es zu einem politischen und persönlichen Konflikt. König Thoas versucht die Priesterin Iphigenie zu zwingen, zwei Fremde auf dem Altar zu opfern. Einer der beiden Männer ist ihr Bruder Orest, der wegen Muttermordes von den Rachegöttinnen verfolgt wird. Muß Iphigenie den alten Familienfluch erfüllen und den Bruder töten, oder soll sie Thoas hintergehen und sich mit ihren Schutzbefohlenen in Sicherheit bringen? Krieg droht. Da wagt Iphigenie das Ungewöhnliche und – gewinnt.

ToasWie schon in der Vergangenheit, entwickeln sich in der Gegenwart politische und menschliche Konflikte aus einer Reihe von Fehlentscheidungen, die häufig lange vor den derzeitig unmittelbar Betroffenen gefallen sind. (Gern und zu recht zitiertes Beispiel der jüngeren Zeitgeschichte sind die Irak-Kriege.) Betrug und Gewalt zur Erreichung kurzfristiger politischer und wirtschaftlicher Erfolge führen die menschliche Gesellschaft immer weiter in die Instabilität und in Zwangssituationen, die freies und auf Nachhaltigkeit bedachtes Handeln unmöglich machen. Goethe gestaltete sein Stück ‚Iphigenie‘ bewusst als Gegenentwurf, seine Figur als Wesen und Symbol wahrer menschlicher Größe. Damit stellte er heute noch bestehende Denkstrukturen in Frage und zeigte Alternativen auf.

OrestGoethes ‚Iphigenie auf Tauris‘ ist der heute noch verbindliche Text, der wie kein anderer die Verstrickungen in einem solchen zweifachen Konflikt präzis darstellt, das Drama der Suche nach Auswegen schildert und eine querdenkerische, ungewöhnliche Lösung aufzeigt.

Die Handlung: Iphigenie, die Tochter des griechischen Heerführers Agamemnon, soll auf dem Altar der Göttin Diana geopfert werden, damit sie Wind zum Auslaufen der griechischen Flotte nach Troja schickt. Im entscheidenden Moment entrückt Diana Iphigenie in ihren Tempel nach Tauris. Dort lebt sie viele Jahre unerkannt.

Ihr Einfluss bewirkt bei den ‚Barbaren‘ und ihrem König Thoas zivilisatorische Fortschritte, zuletzt bietet er ihr die Ehe an. Iphigenie, die sich in die griechische Heimat zurücksehnt, lehnt ab. Voll Zorn verlangt Thoas daraufhin von ihr, nach dem alten, mittlerweile nicht mehr ausgeübten Brauch, zwei neu angekommene Fremde zu opfern.

Orest 2Nach anfänglichen Täuschungsversuchen des einen, Pylades, erkennt sie in dem anderen ihren Bruder Orest, der seit dem Mord an seiner Mutter von den Rachegöttinnen verfolgt wird. Das Orakel des Apoll hatte ihm Erlösung versprochen, wenn er die ‚Schwester‘, verstanden als das Standbild der Diana im Tempel auf Tauris, zurück nach Griechenland brächte. Iphigenie sieht sich nun einer Zerreißprobe ausgesetzt.

Zunächst folgt sie dem listigen Plan des Pylades, mit Betrug und Gewalt das Standbild zu rauben und zu fliehen. Dann werden ihr jedoch die Folgen solchen Handelns klar: sie müsste den König, der ihr Vertrauen entgegengebracht hat und dem sie sich verbunden fühlt, in einer Weise täuschen, dass als Folge auf Tauris alle menschlichen Errungenschaften zerstört und künftig eine friedliche Verständigung zwischen den beiden Völkern unmöglich würde.

IphigenieIn dieser Situation nun, in der Betrug, Raub und Mord als zulässige Mittel erscheinen, setzt Iphigenie auf die Kraft des Wortes, auf Verständigung mit dem Anderen, Respekt vor dem Fremden, den ‚Barbaren‘, und auf Vertrauen. Alle Parteien legen ihre Waffen nieder, Thoas überwindet sich zu großzügigem, menschlichem Handeln, und Iphigenie, Orest und Pylades verlassen Tauris in Frieden.

Die Inszenierung hebt mit zeitgemäßen Mitteln die Aktualität des klassischen Stückes hervor.

Alle Rollen: Barbara Englert; Dramaturgie und Spielfassung des Textes: Jutta Kaußen; Video: Gudrun Frank-Wissmann und Uschi Madeisky; Bühneninstallation: Cornelia Falkenhan.
Spieldauer: ca. 100 Minuten plus Pause.