EINGEBRANNT Frauen auf Kreta 1941-1945“ Aktuell

 

Kreta, in der griechischen Mythologie die Wiege Europas, geografisch gelegen zwischen Europa, Asien und Afrika, musste diese einmalige Position in der Geschichte wiederholt mit Aggression und Besetzung bezahlen. In seiner neueren Geschichte kämpften die Kreter_innen, um unter der Invasion der deutschen Besatzer zu überleben und sie müssen noch heute mit den Folgen umgehen. Kreta ist als Urlaubsziel bei Nordeuropäer_innen und besonders bei Deutschen beliebt. Während Invasion und unvorstellbare Kriegsverbrechen der Deutschen der kretischen Bevölkerung noch gegenwärtig sind, sind sie den deutschen Tourist_innen meist unbekannt. Diese Unwissenheit über die Gräueltaten der deutschen Besatzer und ebenso unsere eigene Ahnungslosigkeit macht ihre Aufarbeitung für uns dringend notwendig.

Das „Unternehmen Merkur“ war die größte Luftlandeoperation der Geschichte: Hunderte von deutschen Kampfflugzeugen bombardierten kretische Städte. Den Bombern folgten Hunderte von Jagd- und Transportflugzeuge, aus denen etwa 20.000 Fallschirm- und Gebirgsjäger absprangen. Nahezu alle Kreter im kriegsfähigem Alter befanden sich während des Angriffs noch auf dem Festland, da sich der Rückzug von der albanischen Front verzögert hatte. Dennoch gab es Widerstand, getragen von der breiten Masse der Bevölkerung: Frauen, Alte und Kinder kämpften gegen die Fallschirmspringer. Sie wehrten sie sich mit allem, was sie hatten, z.B. alten Waffen, Sicheln, Mistgabeln, Dreschflegeln, Stöcken, Steinen.

Frauen in der Geschichte werden allzu oft ausgeblendet, bleiben meist unbeachtet und dadurch ist ihre Bedeutung im Allgemeinen wenig dokumentiert. Auch die Frauen auf Kreta, die der deutschen Besatzungsherrschaft Widerstand leisteten, kommen in der Geschichtsschreibung kaum vor. Dabei waren es gerade sie, die sich zuerst  den Besatzern entgegenstellten.

 

Wir fuhren auf die Insel, ohne eine dieser Frauen zu kennen oder Treffen vereinbart zu haben, aber mit voller Ausrüstung und der Hoffnung auf ihre Erzählungen. Schnell sprach sich auf der Insel herum, dass da Frauen ein Projekt über die deutsche Besatzung vorhaben und viele schenkten uns ihr Vertrauen.

Unsere Produktion erzählt die Geschichte aus der Perspektive dieser Frauen. Wir haben über 40 Frauen interviewt, einige sind heute 100 Jahre alt. Die Zeitzeuginnen, die auf  sich gestellt waren, erzählen vom Kampf ums Überleben, ihrem Widerstand, schildern ihre Ängste und Hoffnungen. Sie berichten davon, wie deutsche Wehrmachtssoldaten Dörfer verbrannten und zerstörten, Frauen bei lebendigem Leib ins Feuer warfen, wie Frauen, Kinder, alte Menschen vertrieben und hingerichtet wurden.

Diese dokumentarischen Berichte verbinden wir mit Puppenszenen, die die Erzählungen durch ein fremdes Medium neu sichtbar werden lassen. Auch die Form der Installation  dient diesem Anliegen. Auszüge aus dem Gedicht „Im Belagerungszustand“ von Rena Chatzidaki werden live eingesprochen, die Leinwände lassen sich wie Fenster öffnen und die Bilder des Films fallen auf die Zuschauer_innen. Der Versuch einer Berührung mit der Geschichte.

 

 
Regie: Barbara Englert, Leonie Englert
Produktion: Barbara Englert
Projektkoordination: Leonie Englert
Kamera: Leonie Englert, Pola Sell, Tonia Koinaki, Christos Konstantopoulos, Kostas Glavas, Eleana Kazila, Panagiotis Daskalakis, Vaggelis Daskalakis, Georg Lewark
Drohne: Daniel Kandilis
Schnitt: Leonie Englert, Georg Lewark
Ton: Barbara Englert, Christos Konstantopoulos, Georg Lewark, Leonie Englert
Puppenherstellung: Natassa Tapaki
Puppenspiel: Natassa Tapaki, Zoi Vlassi, Evi Kambouraki
Transkription und Übersetzung: Elena Moschou
Soundtrack: Georgia Pazarlogiou
Οud Interpretation: Elli Giannaki
Lied: «Επέτειος Νεκροί» Komposition: Paris Perisinakis. Text: Giorgos Karatzis
Gesang: Natassa Tapaki, Elli Giannaki, Georgia Stamataki
«Wiegenlied»
Gesang: Natassa Tapaki
Englische Untertitel: Κonstantinos Palyvos
Künstlerische Mitarbeit: Natanael Lienhard, Jonas Englert
Schauspielerin: Eleanna Apostolaki


Die Zeitzeuginnen in der Reihenfolge ihres Erscheinens:
Katina Sifakaki (Athen)
Anthoula Antonakaki (Chania)
Zacharenia Renieri (Palea Roumata)
Evangelia Polioudaki und ihre Enkelinnen Evangelia und Elisabeth Mirsilidi (Rethymno)
Maria Kanava (Meronas)
Athina Tataraki (Gerakari)
Theopisti Verdinaki (Gerakari)
Nineta Chimonaki (Gerakari)
Pagona Petrakaki (Amari)
Pinelopi Kostaki-Grintaki (Kali Sikia)
Eleni Kostaki-Nikitaki (Kali Sikia)
Vasilia Nikitaki-Souberaki (Kali Sikia)
Evangelia Alevisaki-Kostaki (Kali Sikia)
Martha Papadaki-Petraki (Kali Sikia)
Irini Andreou Skoula (Anogia)
Ioanna Skoula (Anogia)
Maria Pervolaraki (Viannos)
Anastasia Raptaki-Mangkoufaki (Viannos)
Elpida Tsagkavaki (Amiras)
Rena Badouva Mela (Iraklio)
Maria Badouva Markaki (Iraklio)
Despina Skalochoriti (Iraklio)

Dank an alle die Frauen die uns ihr Vertrauen schenkten aber in diesem Projekt nicht erscheinen.
Kiriaki Vesaki (Neo Chorio)
Angeliki Diamantaki (Ano Meros)
Eftichia Sofiadi (Ano Meros)
Triantafyllia Couclinou (Rethymno)
Evangelia Marouli (Rethymno)
Maria Lantzouraki-Vassilaki (Rethymno)
Elpida Vassilaki (Rethymno)
Pinelopi Skarsouli (Apostoli)
Kalliopi Neonaki (Apostoli)
Evangelia Vangana (Meronas)
Maria Kambouraki (Kria Vrisi)
Maria Zoumberaki-Papadogianni (Kali Sikia)
Katerina Gryntaki-Papadogianni (Kali Sikia)
Anthoula Simantaki (Rethymno)
Marika Lironi (Agios Mironas)
Maria Chereti (Agios Mironas)
Irini Alatsaki (Agios Mironas)
Katerina Raptaki-Damoulaki (Viannos)
Evgenia Kokotaki (Viannos)
Zoi Geronimaki (Pantanassa)
Eleni Dakanali (Iraklio)

Dank an:
Antonis Lamprinos der uns seine wunderschöne Wohnung zur Verfügung stellte und uns viele Zeitzeuginnen organisierte.
Katerina Anagnostaki von der Etz-Hayyim-Synagoge in Chania die sich mit uns getroffen hat und den Kontakt zu den Zeitzeuginnen herstellte.
Aspasia Markaki für den Kontakt zu ihrer Großmutter und Großtante.
Vaso Bamiaki Kostaki die uns einen ganzen Tag begleitet hat und uns die Frauen von Kali Sikia vorstellte, uns verköstigte und uns einen Einblick in die Geschichte des Ortes gab.
Nikos Vrentzos der uns die Zeitzeuginnen aus Anogia vorstellte und uns den ganzen Tag zur Seite stand.
Nicoletta Couclinou für den Kontakt zu ihrer Mutter.
Giorgos D. Starakis für den Kontakt zu Evangelia Marouli.
Maria Renieri für den Kontakt zu ihrer Mutter und die Verköstigung.
Konstantina Karsioti und Giannis Vasilakis für die Verköstigung während der Dreharbeiten in Messi
Manolis Neonakis der uns sehr oft sein Auto zur Verfügung stellte und uns den Kontakt zu Zeitzeuginnen in Apostoli verschaffte und uns auch dorthin begleitete.
Dimitris Lagouvardos in dessen Kafenio wir versorgt wurden und der uns seine Schafherde für die Dreharbeiten überlies.
Nikolas Valsamakis der uns ein Tonstudio zu Verfügung stellte.
Manolis Neratzakis für die Begleitung und die Kontakte zu Zeitzeuginnen in Viannos.
Eleni Froudaraki für den Kontakt und die Begleitung zu Despina Skalochoriti in Iraklio
Manolis Albanis für seine Übersetzungshilfe bei den griechischen Texten.
Panagiotis Tsiantopoulos, Ulrike Johannson, Hilde Wackerhagen, Cristina Nunes Mendes, Andrea Richter und Alexander Paul Englert.

 

Die Produktion wird unterstützt von:

Kulturamt Frankfurt am Main, Stiftung Frauen in Europa, Rudolf Augstein Stiftung, Stiftung Citoyen, Sparda Bank
„Ausgezeichnet durch „kulturMut“ – der Crowdfunding-Initiative von Aventis Foundation und Kulturfonds Frankfurt RheinMain.“

 

Pressestimmen:

"Mit den Puppenspielerinnen Zoi Vlassi und Evi Kambouraki und der Puppenbauerin Natassa Tapaki haben die Englerts zu den schlichten Aufnahmen Kretas und der erzählenden Frauen zwischen 80 und 100, die das Gegenteil von fitten Silversurferinnen sind, eine erweiternde Spielwelt im Film geschaffen. Die großäugigen Stabmarionetten liegen zerschmettert unter Trümmern, als Vergewaltigte mit verdrehten Gliedmaßen in den kretischen Bergwiesen, ein Puppenkind sucht Schutz bei der Mutter. Historische Fotos könnten eine solche Intensität kaum erreichen, wie es die Puppen tun, ohne kitschig zu werden."
(Frankfurter Allgemeine Zeitung am 19.Januar 2018)

"Wie eng vergangene Gräuel zur Gegenwart gehören, haben die Regisseurinnen Barbara und Leonie Englert eindrucksvoll in einer dokumentarischen Installation zur Geschichte Kretas sichtbar gemacht. Die auf zwei Leinwände projizierten Bilder des heutigen Griechenlands erzeugen beim Betrachten eine brisante Spannung. Der Blick auf Athen, die Hafenstadt Chania und das Meer wecken letzte Urlaubserinnerungen. Idyllisch still wirken die eingeblendeten Dorfstraßen und weiten Olivenhaine. Wie ist es vorstellbar, dass an diesen Orten, wo heute deutsche Urlauber zu Tausenden willkommen geheißen werden, vor sieben Jahrzehnten 20 000 deutsche Fallschirmjäger gelandet sind und das Leben der Dorfbewohner in eine Hölle verwandelt haben?"    (Frankfurter Rundschau am 18.Januar 2018)

"Kein Laut war zu hören, wenn die beinahe 100 Jahre alten Zeitzeuginnen von dem Beginn der Tyrannei erzählten, wie die „Deutschen Fallschirmspringer wie Regen aus den Flugzeugen fielen“ oder wie deutlich gemacht wird, dass „die Deutschen kein menschliches Blut in sich hatten.“

 (Frankfurt Journal am 18. Januar 2018)

 

"In einer gemeinsamen kretisch-deutschen Anstrengung ist so eine leise erzählte, streng komponierte, mit ihren ruhigen Bildern zuweilen an eine klassische Tragödie erinnernde Collage entstanden. Eine Filminstallation die die Zuschauer von der ersten bis zur letzten  Minute in ihren Bann zieht. Wer sie gesehen hat, wird das Unerzählbare verstehen und nie vergessen, was auf Kreta 1941-1945 unter deutscher Besatzung geschehen ist. Er wird die stolzen, kämpferischen Frauen nicht vergessen, die den Nazis die Stirn geboten haben."
(Sozialismus Heft 2 2018 Elisabeth Abendroth)

Die Aufführungen auf Kreta wurden ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des Goethe-Zentrum Chania

We show the installation on Crete with English subtitles