Der Große Krieg und die Frauen 1914-1918

Eine Theaterinstallation mit Texten von Anita Augspurg, Elsa Brändström, Marie Curie, Ricarda Huch, Clara Immerwahr, Editha Klipstein, Annette Kolb, Käthe Kollwitz, Helene Lange, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Alice Schalek, Virginia Woolf und Clara Zetkin.

Wiederaufnahme unserer Produktion “Der große Krieg und die Frauen” von BARBARA ENGLERT und POLA SELL

Im Rahmen des 11. Festivals Politik im Freien Theater “MACHT” der Bundeszentrale für politische Bildung.

mit anschließender Podiumsdiskussion

RUTH BAHTA Ärztin für Psychatrie und Psychotherapie, Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende von United4Eritrea e.V. , Frankfurt

GILA BAUMOEHL Politologin, Frankfurt

MARJANA GAPONENKO Schriftstellerin, geboren in Odessa Ukraine, Preisträgerin des Adelbert-von-Chamisso-Preis, Mainz

KAREN FUHRMANN Hessischer Rundfunk

Bühneninstallation: Auf zwei Leinwänden werden Filmaufnahmen von 80- bis über 90-jährigen Frauen zu sehen sein. Sie schildern, was ihre Mütter vom Ersten Weltkrieg berichteten. Diese Erzählungen stellen wir den Aussagen, Tagebuchaufzeichnungen, Prosatexten oder Gedichten berühmter Frauen der Zeitgeschichte gegenüber, die die Performerin von einem Sessel aus vorträgt, dessen Sitzfläche sie mit den verlesenen und protokollierten gehörten Texten zunehmend aufpolstert. Ein Musiker begleitet die Aufführung.

Was dachten, empfanden, fühlten diese Frauen, als es darum ging, allein zurechtzukommen? Wie schnell lernten sie, ein Unternehmen zu leiten, Verträge abzuschließen und all das zu tun, was ihnen bis dahin verboten war? Wie bewältigten sie die Angst, die Belastung durch Familie, Kinder, Alte, Arbeit, Tod, Hunger und die Bedrohungen durch den Krieg?

Die meisten dieser Mütter und Großmütter erlebten später noch den Zweiten Weltkrieg und standen erneut vor den Trümmern ihrer Gesellschaft, ja ihres Lebens.

Während in allen europäischen Ländern Frauen für das Frauenwahlrecht und für ihre Gleichberechtigung kämpften, waren die europäischen Staatenlenker damit beschäftigt, ihre Macht zu erhalten oder – vor allem durch diverse Bündnisse mit anderen Staaten – auszubauen. So kam es, dass durch eine einzige Kriegserklärung, diejenige Österreich-Ungarns an Serbien im Juli 1914, ein Krieg ausbrach, in den schließlich 40 Nationen hineingezogen wurden. In keiner dieser Nationen waren Frauen berechtigt, über die Politik mitzuentscheiden.

„Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Die unerlässliche Bedingung für diese wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit. Will man die Frauen zu freien menschlichen Wesen, zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft machen wie Männer, nun, so braucht man die Frauenarbeit weder abzuschaffen noch zu beschränken“, erklärt Clara Zetkin.

Sie organisierte die erste der internationalen Frauen-Friedenskonferenzen, die im März 1915 in Bern stattfand. Im April 1915 tagte eine weitere in Den Haag, anberaumt von Anita Augspurg. Doch die internationale Solidarität unter den Frauen wich, mit dem immer grausamer werdenden Krieg, einer Solidarität mit den kämpfenden Männern der eigenen Nation. Jetzt bildeten die Frauen das Heer der Helfenden und Pflegenden, oder sie erhielten den Familienbetrieb aufrecht. Viele verloren ihre Männer und Söhne in einer sinnlosen Schlacht.

Dazu sagt die Juristin und Feministin Anita Augspurg:

„Ist es nicht Wahnsinn, Streitfälle, gleichviel, welche, auf solchem Wege zu regeln? Ist es nicht Wahnsinn, um Länder-, Macht- und Profitgier jeder Art zu befriedigen, die Massen der Völker gegeneinander zu hetzen, sie mit grausigsten Mitteln abschlachten zu lassen?“

Auf einer Kundgebung gegen den Krieg in Frankfurt am Main äußert sich die Sozialistin Rosa Luxemburg zum selben Thema:

„Welchen Grund habe denn ein deutscher Arbeiter, einen französischen Arbeiter als Feind zu betrachten, der sich in derselben unterdrückten und ausgebeuteten Situation befindet? Warum sollten sie sich für die Interessen ihrer Unterdrücker gegenseitig abschlachten?“

Die Künstlerin Käthe Kollwitz, deren gerade erst 18-jähriger Sohn Peter als Soldat in Flandern gefallen ist, fragt sich, als die Schlacht schon Jahre tobte:

„Was hat dies Jahr gebracht? Was hat es genommen? Es war schwer und ernst wie die beiden anderen Kriegsjahre. Es hat nicht den Frieden gebracht. Es hat immer genommen und genommen.“

17 Millionen Menschen kamen während des Ersten Weltkriegs zu Tode. Kaum einer wusste, wofür gekämpft und gestorben wurde. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich der Vorschlag der britischen Autorin Virginia Woolf:

„Der einzige Rat, den man jemand fürs Leben geben kann, ist tatsächlich der, keinen Rat anzunehmen, dem eigenen Instinkt zu folgen, den eigenen Verstand zu gebrauchen und zu eigenen Schlussfolgerungen zu kommen.“

Nach dem Krieg verfasst die Lyrikerin Ricarda Huch folgendes Gedicht:

„Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen

Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,

Und während Tage und Jahre verstreichen,

Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,

Sie scheinen zerronnen wie Schaum.

Doch du spürst ihre lastende Schwere

Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,

Die Welt wird ein Blütenmeer.

Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,

Da blüht nichts mehr.“

Marie Curie, die sich als Freiwillige zur Front aufmachte und dort zur Versorgung verletzter Soldaten mobile Röntgeneinrichtungen schuf, gibt angesichts der furchtbaren Gräuel des Krieges zu bedenken:

„Man könnte sich vorstellen, dass das Radium aber auch in verbrecherischen Händen sehr gefährlich werden könnte, und man müsse sich fragen, ob es für die Menschheit gut ist, die Geheimnisse der Natur zu kennen, ob sie reif ist, daraus Nutzen zu ziehen, oder ob ihr diese Erkenntnis zum Schaden gereichen könnte.“

Als „Perversion der Wissenschaft“ bezeichnet die Chemikerin Clara Immerwahr die Produktion des als Kriegswaffe bestimmten Giftgases, für die ihr Mann, der Chemiker Fritz Haber, verantwortlich war. Als es im April 1915 zum Einsatz kam und tausende Todesopfer forderte, erschoss sie sich mit seiner Pistole im eigenen Garten. Sie selbst hatte nach der Geburt ihres Sohnes nicht mehr als Wissenschaftlerin weiterarbeiten dürfen. Fritz Haber, der später noch an der Entwicklung des Zyklon B mitwirkte, erhielt 1919 den Nobelpreis.

Das Projekt wurde ausgezeichnet im Rahmen der Crowdfunding-Initiative »kultur-Mut“ der Aventis Foundation.

Mit freundlicher Unterstützung von: Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Frauenreferat Frankfurt am Main, Sparda-Bank Hessen, Frankfurt LAB, Sandra Backert, Heike de Boer, Dr. Eva Brinkmann to Broxten, Maike Bussmann, Susanna Glaubrecht und Michael Sarbacher.

Eine Produktion von be-frankfurt.

Vorstellungen:

  • Wiederaufnahme - Im Rahmen des 11. Festivals Politik im Freien Theater “MACHT” der Bundeszentrale für politische Bildung. Mit anschließender Podiumsdiskussion.
  • Freitag, 7. Oktober 2022
    19:00 Uhr
    Evangelischen Stadtakademie Frankfurt am Main Römerberg 9, 60311 Frankfurt am Main

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